Der Schatz, der in uns ruht, ist die Motivation, unser Bestes zu geben

Impulse aus der Praxis für die Praxis
„Ich weiß gar nicht mehr, was mich antreibt“, sagte mir neulich eine Klientin, eine erfolgreiche Projektleiterin Mitte 40. „Früher hatte ich diese Energie, diese Begeisterung. Jetzt fühle ich mich nur noch müde und leer.“
Ihre Worte stehen stellvertretend für viele Menschen, die ich in meiner Arbeit als Karriereberaterin und Stress- & Burnout-Coach begleite.
Die Beispiele in diesem Beitrag stammen aus meiner Praxis. Namen und Details sind verändert.
Der vergrabene Schatz
Stellen Sie sich vor, Sie besitzen einen wertvollen Schatz – doch er liegt tief vergraben unter Schichten von To-do-Listen, Erwartungen anderer und gesellschaftlichen Sollvorstellungen. Genau das passiert mit unserer inneren Motivation im hektischen Berufsalltag. Sie verschwindet nicht – sie wird nur überlagert.
Der Schatz, von dem dieser Aphorismus spricht, ist nichts Abstraktes. Es ist Ihre ganz persönliche Kraftquelle: Ihre Werte, Ihre Talente, das, was Sie wirklich erfüllt. Und dieser Schatz ist ein Schlüssel zu nachhaltiger Leistungsfähigkeit.
Äußerer Antrieb und inneres Feuer
Im Berufsalltag erlebe ich oft Menschen, die von außen getrieben werden: durch Deadlines, Zielvorgaben, Erwartungen des Chefs oder den Vergleich mit Kollegen. Das ist extrinsische Motivation – sie funktioniert kurzfristig, kostet aber enorm viel Energie und führt auf Dauer in die Erschöpfung.
Aus der Praxis: Markus, Vertriebsleiter, arbeitete 60-Stunden-Wochen, weil er der Beste sein wollte – aus Angst vor Versagen und um Anerkennung zu bekommen. Äußerlich war er erfolgreich, innerlich ausgebrannt. Erst als wir gemeinsam seinen „Schatz“ ausgruben – seine Begeisterung für Kundenbeziehungen und sein Talent, Menschen zu entwickeln –, fand er zu einer neuen, nachhaltigen Arbeitsweise.
Die intrinsische Motivation hingegen – der Schatz in uns – ist eine kraftvolle Energiequelle. Sie entsteht, wenn wir tun, was uns wirklich wichtig ist, wenn wir unsere Stärken einsetzen und Sinn in unserer Arbeit erleben.
Warum wir den Zugang zu unserem Schatz verlieren
In der Hektik des Alltags verlieren wir oft den Kontakt zu unserer inneren Motivation. Die Warnsignale sind deutlich:
- Sie schleppen sich morgens zur Arbeit, statt mit Vorfreude zu starten.
- Nichts fühlt sich mehr wirklich befriedigend an, selbst wenn Sie Erfolge feiern.
- Sie funktionieren nur noch, statt zu gestalten.
- Die Erschöpfung ist nicht mehr nur körperlich, sondern auch emotional.
Diese Signale sind keine Schwäche – sie sind Hinweise darauf, dass Sie den Kontakt zu Ihrem inneren Schatz verloren haben. Und sie verdienen Aufmerksamkeit: Wenn die Erschöpfung über Wochen anhält, lassen Sie sie bitte auch ärztlich abklären.
Den Schatz wieder freilegen: vier praktische Schritte
1. Die Schatzsuche beginnen
Nehmen Sie sich jeden Abend fünf Minuten Zeit für diese Fragen:
- Wann hatte ich heute ein Gefühl von Energie und Lebendigkeit?
- Bei welcher Tätigkeit verging die Zeit wie im Flug?
- Welcher Moment hat sich heute sinnvoll angefühlt?
Aus der Praxis: Sabine, Abteilungsleiterin, stellte fest, dass sie sich lebendig fühlte, wenn sie jüngere Kolleginnen als Mentorin begleitete – nicht in strategischen Meetings. Diese Erkenntnis half ihr, ihre Rolle neu zu gestalten.
2. Der Werte-Check im Berufsalltag
Notieren Sie Ihre fünf wichtigsten beruflichen Werte, zum Beispiel Kreativität, Autonomie, Teamgeist, Wachstum oder Hilfsbereitschaft. Markieren Sie dann eine Woche lang in Ihrem Kalender, welche Aktivitäten zu diesen Werten passen.
Die oft unbequeme Wahrheit: Viele meiner Klientinnen und Klienten entdecken, dass weniger als ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit ihren Kernwerten übereinstimmt. Kein Wunder, dass die Motivation schwindet!
3. Kleine Schatzkammern im Alltag einbauen
Sie können nicht immer gleich Ihren Job verändern. Aber Sie können bewusst Inseln schaffen:
- Die 15-Minuten-Regel: Planen Sie täglich 15 Minuten für eine Tätigkeit ein, die Sie wirklich erfüllt – ein kreatives Projekt, ein inspirierendes Gespräch oder eine neue Fähigkeit, die Sie entwickeln.
- Die Stärken-Strategie: Wählen Sie eine Ihrer Kernstärken und überlegen Sie, wie Sie diese in den nächsten zwei Wochen bewusst einsetzen können.
Aus der Praxis: Martin, Controller, mochte seinen Job nicht mehr – bis er entdeckte, dass seine Stärke im Erkennen von Mustern lag. Er begann, diese Fähigkeit zu nutzen, um dem Vertriebsteam strategische Erkenntnisse zu liefern. Plötzlich fühlte sich seine Arbeit bedeutsam an.
4. Die Verbindung zum Sinn herstellen
Fragen Sie sich: Wem nützt meine Arbeit? Welchen Unterschied macht das, was ich tue? Selbst vermeintlich eintönige Tätigkeiten bekommen Bedeutung, wenn wir die Verbindung zum größeren Ganzen sehen.
Aus der Praxis: Eine Sachbearbeiterin in der Versicherungsbranche fand neue Motivation, als sie sich bewusst machte, dass sie Menschen in Krisensituationen hilft – statt „nur Formulare zu bearbeiten“.
Der Schatz als Baustein der Burnout-Prävention
Der Zugang zu unserem inneren Schatz ist für mich einer der wichtigsten Bausteine der Burnout-Prävention. Warum? Weil intrinsische Motivation uns Energie gibt, statt sie zu rauben. Sie macht uns widerstandsfähiger, weil wir aus eigenem Antrieb handeln – nicht aus Angst oder Pflichtgefühl.
- Die Burnout-Falle: Wer nur fremdgesteuert arbeitet, läuft im Hamsterrad. Mehr Leistung führt nicht zu mehr Erfüllung, sondern zu mehr Erschöpfung. Der innere Tank leert sich schneller, als er sich füllen kann.
- Der Schatz-Effekt: Wer aus innerer Motivation handelt, schöpft Energie aus der Tätigkeit selbst. Die Arbeit wird vom Energieräuber zum Energiespender.
Unser Bestes geben – aber richtig
„Unser Bestes geben“ bedeutet nicht, sich zu verausgaben. Es bedeutet, authentisch zu sein, unsere einzigartigen Talente einzusetzen und im Einklang mit unseren Werten zu handeln. Voraussetzung: Sie kennen Ihre Werte und Talente – oder arbeiten daran, sie sich bewusst zu machen.
Die Perfektionismus-Falle: Viele erschöpfte Menschen geben ihr Bestes – aber für die falschen Dinge oder auf die falsche Weise. Sie versuchen, in Bereichen zu glänzen, die nicht ihren Stärken entsprechen, oder sie opfern sich für Ziele auf, die nicht ihre eigenen sind.
Der Schatz als Kompass: Ihr innerer Schatz zeigt Ihnen, wo Ihr „Bestes“ wirklich liegt. Und das ist oft woanders, als Sie dachten.
Ihr 30-Tage-Plan
Woche 1 – Bewusstsein schaffen
- Führen Sie ein Energie-Tagebuch: Was gibt Energie, was raubt sie?
- Notieren Sie Momente, in denen Sie ganz im Tun aufgegangen sind.
Woche 2 – Muster erkennen
- Werten Sie Ihre Notizen aus: Welche Themen tauchen immer wieder auf?
- Bestimmen Sie Ihre drei wichtigsten Stärken und Werte.
Woche 3 – Kleine Veränderungen
- Bauen Sie täglich 15 Minuten „Schatzzeit“ ein.
- Delegieren oder reduzieren Sie eine Aufgabe, die nicht zu Ihren Stärken passt.
Woche 4 – Gespräche führen
- Sprechen Sie mit Ihrer Führungskraft darüber, wie Sie stärker stärkenorientiert arbeiten können.
- Tauschen Sie sich mit Kollegen über Ihre jeweiligen Stärken aus – vielleicht lassen sich Aufgaben neu verteilen.
Ein Wort zum Schluss
Der Schatz in Ihnen wartet darauf, gehoben zu werden. Er ist nicht verloren gegangen – er liegt nur unter den vielen Schichten des Alltags verborgen. Die gute Nachricht: Sie müssen ihn nicht suchen wie ein Schatzjäger auf einer fernen Insel. Er ist hier, in Ihnen, jetzt.
Es braucht nur den Mut, innezuhalten, hinzuspüren und ehrlich zu sich selbst zu sein:
- Was bewegt Sie wirklich?
- Was lässt Ihr Herz schneller schlagen?
- Wo spüren Sie, dass Sie wachsen und lebendig sind?
Diese Fragen sind nicht esoterisch oder weltfremd – sie sind wesentlich für Ihre berufliche Zufriedenheit und Ihr langfristiges Wohlbefinden. Denn Ihr Bestes können Sie nur geben, wenn Sie wissen, was Ihr Bestes ist.
Beginnen Sie heute – nicht morgen, wenn es ruhiger ist. Mit einer einzigen Frage: Was hat sich heute nach „meinem Schatz“ angefühlt?
Die Antwort ist der erste Schritt auf einem Weg von fremdgesteuerter Erschöpfung zu selbstbestimmter Erfüllung.
Herzlichst
Ihre Petra Schreiber
Step and Talk – Coaching & Training für Menschen in Verantwortung
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