Wenn Führungskräfte im Autopilot-Modus reagieren
In meinen Coachings begegne ich immer wieder dem gleichen Muster: Eine Führungskraft steht unter Druck, nimmt diesen Druck aber nicht bewusst wahr – und reagiert dann in einer Situation, die damit eigentlich gar nichts zu tun hat.
Ich nenne das den Autopiloten. Der Körper und das Gehirn springen auf antrainierte Muster zurück – schnell, effizient, aber oft vollkommen unangemessen für das, was die Situation tatsächlich braucht.
Ein Beispiel aus der Praxis – ich nenne sie Maria, die Namen sind geändert:
Maria leitet ein Vertriebsteam und hat morgens von ihrer Vorgesetzten gehört, dass die Quartalszahlen nicht stimmen. Sie schiebt das innerlich weg – sie weiß es ja, sie trägt es schon länger mit sich. Am Nachmittag machen ihre Mitarbeitenden in der Teamsitzung ein paar Witze. Maria schnauz t sie an. Alle werden still. Keine Ideen, keine Energie mehr – und Maria sitzt danach mit dem Gefühl, dass ihr Team sie im Stich lässt.
Was ist passiert? Maria war nicht ungerecht oder böse. Sie war schlicht nicht bei sich. Die Gelegenheit, die gute Energie des Teams für Lösungen zu nutzen, war weg. Das ist kein Einzelfall. Das ist Alltag in Führung.
Was achtsame Führung wirklich bedeutet – und was nicht
Achtsamkeit, wie sie heute in der angewandten Psychologie und in der Führungspraxis verstanden wird, bedeutet schlicht: das Hier und Jetzt bewusst wahrnehmen. Ohne sofort zu urteilen, ohne sofort zu reagieren. Nur wahrnehmen – und dann entscheiden.
Jon Kabat-Zinn, einer der Pioniere auf diesem Gebiet, spricht von einem „nicht-wertenden Gewahrsein des gegenwärtigen Moments“. Das klingt abstrakt, ist aber sehr praktisch: Wer seine eigenen Körpersignale, Gedanken und Emotionen rechtzeitig wahrnimmt, kann auch rechtzeitig steuern.
Und das ist, ehrlich gesagt, das, was gute Führung ausmacht.
Stressbewältigung für Führungskräfte: Warum Innehalten keine Schwäche ist
In meinen Trainings erlebe ich regelmäßig, wie leistungsstarke, verantwortungsbewusste Menschen in Situationen reagieren, die eigentlich nichts mit dem zu tun haben, was sie wirklich bewegt. Angestautem Stress, unbewussten Ängsten, alten Mustern.
Nicht weil sie schlechte Führungspersönlichkeiten wären. Sondern weil niemand ihnen je beigebracht hat, rechtzeitig innezuhalten.
Achtsamkeit ist kein Wellness-Trend. Sie ist das, was zwischen Reiz und Reaktion passiert – oder eben nicht. Und sie lässt sich trainieren.
Emotionale Intelligenz und Selbstwahrnehmung: Die Basis guter Entscheidungen
Wenn ich mit Führungskräften an Achtsamkeit arbeite, beobachte ich regelmäßig diese Veränderungen:
→ Die Qualität der Entscheidungen steigt – nicht weil die Führungskraft klüger wird, sondern weil sie klarer sieht, was gerade wirklich los ist.
→ Konflikte deeskalieren schneller – weil die Führungskraft früher merkt, wenn sie selbst Teil des Problems ist.
→ Das Team öffnet sich – weil Menschen spüren, ob jemand wirklich zuhört oder nur auf die eigene nächste Aussage wartet.
→ Die Resilienz wächst – nicht im Sinne von alles wegstecken, sondern: ich komme nach einem Rückschlag schneller wieder in meine Mitte.
Das sind keine weichen Faktoren. Das ist Führungseffektivität.
5 Aspekte achtsamer Führung – konkret und praxisnah
In meiner Arbeit orientiere ich mich an fünf Dimensionen, die zusammen eine achtsame Haltung ausmachen:
1. Bewusste Aufmerksamkeitslenkung: Fokus statt Gedankenkarussell
Was es bedeutet: Statt die Gedanken umherschweifen zu lassen, diese bewusst lenken – auf die Ist-Situation, auf den Menschen vor mir, auf den eigenen Zustand.
Viele Führungskräfte sind körperlich im Gespräch, aber gedanklich schon beim nächsten Termin. Das spüren Gegenüber – und es kostet Vertrauen.
2. Gegenwärtigkeit: Im Gespräch wirklich präsent sein
Was es bedeutet: Wirklich hier sein. Nicht mit einem Ohr beim Gespräch und dem anderen bei der nächsten Aufgabe.
Führungskräfte, die präsent sind, stellen andere Fragen. Sie hören anders zu. Ihr Team spürt es – und öffnet sich.
3. Akzeptanz: Wahrnehmen, was ist – ohne sofort zu urteilen
Was es bedeutet: Gedanken und Gefühle wahrnehmen und akzeptieren, anstatt sie zu verdrängen oder wegzuschieben.
Wer den eigenen Stress nicht anerkennt, kann ihn nicht regulieren. Wer Erschöpfung wegschiebt, übersieht auch die Signale, die das Team sendet.
4. Inneres Beobachten: Den eigenen Reaktionen auf die Spur kommen
Was es bedeutet: Alle Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen beobachten, ohne sie zu bewerten.
„Ich merke, dass mich das gerade ärgert“ ist ein riesiger Unterschied zu „Ich bin wütend“. Wer beobachtet, statt zu reagieren, behält die Steuerung.
5. Selbstmitgefühl: Der unterschätzte Faktor in der Führung
Was es bedeutet: Mit sich selbst so umgehen, wie man mit einer guten Kollegin umgehen würde – nicht härter, nicht ungenädiger.
Wer sich selbst mit Härte begegnet, überträgt diese Härte. Auf sein Team, auf seine Fehlerkultur, auf seine Entscheidungen.
Resilienz stärken: Wie Sie als Führungskraft dauerhaft klar bleiben
Achtsamkeit aktiviert das parasympathische Nervensystem – das, das für Ruhe und Erholung zuständig ist. Stresshormone wie Cortisol sinken, der Körper entspannt sich. Wir denken flexibler und lösungsorientierter.
Das ist keine Theorie. Das ist gut erforschte Praxis – und ich erlebe es täglich in meiner Arbeit mit Führungskräften.
Erste Schritte: So beginnen Sie heute mit achtsamer Selbstführung
Meine Empfehlung für den Einstieg: Klein anfangen. Wirklich klein.
→ Drei Mal täglich 60 Sekunden Pause – bewusst, mit ein paar tiefen Atemzügen. Nicht zwischen Tür und Angel, sondern intentional.
→ Vor wichtigen Gesprächen oder Entscheidungen kurz innehalten und sich fragen: Wie bin ich gerade? Was bringe ich in diesen Moment mit?
→ Am Abend einen Moment reflektieren: Wo war ich heute im Autopiloten? Was hätte ich anders gestalten können?
Das ist kein Wellness-Programm. Das ist Führungshygiene.
Wenn Sie merken, dass Sie oder Ihr Team strukturierte Unterstützung brauchen – dann bin ich da. Meine Coachings und Trainings zu achtsamer Führung verbinden die Erkenntnisse der Forschung mit den sehr konkreten Anforderungen des Führungsalltags.
Schreiben Sie mir gerne – ich freue mich auf das Gespräch.
Ihre Petra Schreiber
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